The Pineapple Thief: Die perfekte Einstiegsdroge in den Post-Prog-Kosmos!

Die britischen Post-Progger The Pineapple Thief gaben am 12.09.2017 im Club Universum ihr erstes Konzert in Stuttgart. Das perfekte Event für das mittlerweile dreiköpfige Team unserer Musiksendung Hertz for Nerds, um dort den Einstand der neuen Moderatorin Pia zu feiern.  Unsere hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht, denn die fünf Musiker von The Pineapple Thief lieferten eine Performance auf höchstem musikalischen Niveau. Ein Teil der Band ist schon seit Ewigkeiten auf einander eingespielt. Frontmann und Hauptkomponist Bruce Soord und Bassist John Sykes waren bereits vor Gründung von The Pineapple Thief (1999) Bandkollegen und Keyboarder Steve Kitch ist auch schon seit Jahren in der Band.

Die anderen beiden Musiker sind erst seit dem aktuellen Album „Your Wilderness“ (erschienen im August 2016) dabei. Am Schlagzeug sitzt kein Geringerer als Gavin Harrison, der hauptsächlich als Drummer von Porcupine Tree bekannt ist. Gitarrist Darran Charles, der bereits beim letzten Album „Magnolia“ (2014) auf zwei Tracks einen Gastauftritt  hat, ist der Frontmann der Godsticks, die The Pineapple Thief als Supportband auf Tour begleiten. Er legt also jeden Abend eine beachtliche Doppelschicht hin. Der Sound der Godsticks – ebenfalls beim Plattenlabel Kscope beheimatet – ist deutlich härter als der des aktuellen The Pineapple Thief Materials. Im Vorfeld haben wir uns bei Hertz for Nerds gefragt, ob der stilistische Kontrast nicht vielleicht etwas groß ist. Die Setlist des Headliners ist aber ausgewogen und bietet auch durch die Durchmischung mit älteren Songs einige Parts zum Abgehen, beispielsweise  bei „Shoot First“ (Album: „Tightly Unwound“,  2008) und „Show A Little Love“ (gleichnamige EP, 2010) oder „Alone At Sea“ (Album „Magnolia“, 2014). Bruce Soord wechselt nach fast jedem Song die Gitarre. Die Zusammensetzung der Setlist ist sehr genau durchdacht, wie Bruce uns im Interview verraten hat. Gerade bei den ruhigen Stücken von „Your Wilderness“, wie dem stellenweise beinahe ätherischen „That Shore“, wird eine große Stärke der Band deutlich: Die atmosphärische Dichte kommt besonders in den langsamen aber gefühlsmäßig aufgeladenen Passagen zum Schwingen. Dezente Synthi-Klänge, Gitarrensounds und sanfte Beats greifen ineinander. Die Gitarrensoli von Darran Charles klingen ganz anders als man es nach dem Sound der Godsticks erwartet hätte. Sie dienen nicht der Zurschaustellung von Virtuosität, sondern sind pure Emotionalität. Dazu der zuweilen zarte und verträumt klingende Gesang von Bruce Soord, der von präzisen Backing Vocals von Darran Charles und vor allem von Bassist John Sykes perfekt ergänzt wird. Bruce Soords Bühnenpräsenz beschränkt sich nicht nur auf seinen eindringlichen Gesang. Wenn er gerade nicht Gitarre spielt, zieht er das Publikum mit beschwörenden Gesten in den Bann.

Der Virtuose des Abends ist ganz klar Drummer Gavin Harrison, der dem Sound der Band mit seinem teils polyrhythmischen Spiel wie nebenbei eine beeindruckende Vielschichtigkeit verleiht. Im Interview, das wir zwischen Soundcheck und Show führen konnten, geht Bruce Soord darauf ein, welche Bereicherung das für die Band bedeutet. Gleich bei „Tear You Up“, dem Opener der Show, spätestens aber bei „In Exile“, hat man den Eindruck, Gavin Harrison müsste eigentlich mindestens vier Arme und Beine haben, um so trommeln zu können. Er verpasst den Stücken wesentlich mehr Beats als nötig, jedoch nie mehr, als ihnen gut tun. Am meisten beeindruckt mich aber, dass er sich trotz seiner Fertigkeit nicht in den Vordergrund spielt.  Sein filigraner Groove-Teppich trägt immer den Gesamtklang und verdeckt diesen nie. Er phrasiert so geschmackvoll, dass man sein Schlagzeugspiel eigentlich ‚melodiös‘ nennen will. Der Bass schmiegt sich sanft aber mit Intensität an diesen Groove. Immer wieder tritt auch die Gitarre in direkten Dialog zum Schlagzeug-Rhythmus. Der Mann der am meisten im Hintergrund bleibt, ist Steve Kitch an den Keyboards und Synthesizern. Und doch ist er für die Soundscapes unersetzlich, besonders bei den getragenen Parts.  Gegen Ende der Show hat auch er seine Soli und erweitert das Klangspektrum um etliche elektronische Elemente.

Trotz dieser Vielschichtigkeit und subtilem Virtuosität ist die Musik extrem zugänglich und eingängig. Obwohl die Songs alles andere als simpel sind, wirkt das Gesamtpaket nicht zu verkopft sondern vor allem sehr emotional. Das Publikum lässt sich bereitwillig auf diese Reise ein. Bei den ruhigen Passagen ist das gesamte, sehr gut besuchte Universum beinahe schon andächtig. Immer wieder ist aber auch ansteckende Freude auf der Bühne zu erleben: Die Musiker lächeln sich viel zu, Bruce Soord verrenkt sich in teils aberwitzigen Gitarren-Posen und alle scheinen echt Spaß zu haben. Die Band spielt durchweg perfekt zusammen und wirkt dabei so organisch, wie ein einziger Körper. Da scheint sich nach den Besetzungswechseln der letzten Zeit wirklich ein Line-Up gefunden zu haben, das zusammengehört! Wir drei von Hertz for Nerds sind uns absolut einig über die Qualität dieses Konzerts! Da freuen wir uns sehr, dass uns Gavin Harrison – der auf den Pineapple Thief Tournee-Plakaten durch das Wort „featuring“ als nicht ständiges Mitglied hervorgehoben ist – uns im Interview verraten hat, dass das nächste Album in der gleichen Besetzung aufgenommen wird und schon im nächsten Jahr erscheinen soll!

Unser Fazit: The Pineapple Thief ist eine großartige Band – auch live! Und die aktuelle Besetzung ist ein Dreamteam! Das ist auch für Hörer, die sich nicht als Musik-Nerds bezeichnen, die perfekte Einstiegsdroge in die Welt des Progs, da die Songs trotz ihrer Vielschichtigkeit ein hohes Ohrwurm-Potential haben!    (Lydia C. Michel)

Wer jetzt neugierig ist und mehr erfahren möchte: Die ausführliche Version dieser Review mit weiteren Bildern gibt es auf http://hertzfornerds.de und weitere Interviews aus dem Bereich Progressive Rock findet ihr in der Hertz for Nerds-Interview-Playlist, u. a. Steven Wilson im Gespräch und Fredrik Åkesson von Opeth.

The Pineapple Thief haben übrigens mit „Where We Stood“ einen interessanten Konzertfilm zur Tour gedreht:

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