HORADS 88,6 Interview mit The Temperance Movement

Einen Song mit einem Schrei zu beginnen, vermittelt Rock’n’Roll-Attitüde in Reinform! „White Bear“ von The Temperance Movement ist eine von Fuzz-Effekten geprägte Hardrock-Nummer, die man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommt. Der Ohrwurm macht Lust auf weitere Hymnen dieser Sorte kernigen Retro-Sounds. Zum Glück gibt es unter dem Titel „White Bear“ nicht nur diesen einen Song, sondern ein ganzes Album, auf dem The Temperance Movement ihren vielschichtigen und emotionsgeladenen Bluesrock ausleben.

Als ‚White Bear Phenomenon‘ versteht man in der Theorie ironischer Prozesse den Umstand, dass sich ein Gedanke, den man bewusst vermeiden will, ständig aufzwängt. Dieses Phänomen hat Fjodor Dostojewskis in seinem Reisebericht „Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke“ von 1863 so beschrieben: „Denke nicht an einen Eisbären, und du wirst sehen, dass dieses verfluchte Ding jede Minute in deinem Kopf sein wird.“

So erging es The Temperance Movement laut eigenen Angaben auch während der Arbeit an ihrem zweiten Album. Sie mussten ständig daran denken, was es noch bis zur Veröffentlichung zu tun gab. Deshalb wurde „White Bear“ dann auch zum Titel des Albums. Es hat sich gelohnt, dass die Gedanken der Band so viel um diese Platte kreisten. Sänger Phil Campbell gestaltet die Songs – wie bereits auf dem Debut-Album – mit so großer Intensität, dass man ihm jede Emotion sofort abkauft. Und davon gibt es im Titelsong eine Menge.

Die erste Strophe klingt zart und verletzlich, aber beim Refrain schwingt eine große Portion Wut mit und Phils rauhe Rock’n’Roll-Stimme trifft mit solcher Wucht, dass es einen schier umbläst. Dazu Slide-Gitarren und verzerrte Riffs! Dieser archetypische und zeitlose Rocksound klingt trotz seiner Retro-Elemente nicht angestaubt. Psychedelisch schlingernd drehen die 60er-Jahre-Vibes gegen Ende des Songs noch ein paar Runden. Die Melodie verklingt, wie kreisende Gedanken, die langsam zur Ruhe kommen.

Im Februar haben wir The Temperance Movement in München getroffen:

[soundcloud]https://soundcloud.com/horads-88-6/the-temperance-movement[/soundcloud]

Lydia Michel

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